I
Die offene Fassung
Das Licht kam schräg durch die hohen Fenster und legte goldene Bahnen auf das Parkett. Im Salon der alten Villa in Oberkassel roch es nach kaltem Kalk und nach Bohnerwachs, das seit Jahren niemand mehr erneuert hatte. Vera blieb in der Tür stehen, den Mantel noch zugeknöpft, den Schlüsselbund schwer in der Hand. Draussen schob sich ein Frachtschiff flussaufwärts, langsam wie ein Gedanke.
Mitten im Raum stand eine Leiter. Oben, unter der Stuckrosette, hing Leon mit dem Kopf fast an der Decke, die Arme erhoben, ein Schraubendreher zwischen den Zähnen. Aus der offenen Fassung baumelten zwei Drähte, rot und blau.
Vera„Guten Tag, Herr Brauer. Sagen Sie mir, dass dieses Haus morgen Licht hat.“
Leon„Tag, Frau Nolte. Es hat Licht. Es will nur noch nicht so richtig. Die Leitung hier ist älter als meine Oma.“
Vera„Dann sind Sie und die Leitung ja fast im selben Alter wie ich. Das beruhigt mich.“
Leon„Das haben Sie jetzt gesagt, nicht ich.“
Vera lächelte und legte die Schlüssel auf den Kaminsims, wo sie leise auf dem Marmor klirrten. In ihrem Kopf liefen die Termine für Freitag ab: zehn Uhr der Notar, zwölf die Gutachterin, um drei das Ehepaar aus Köln. Sie liess sie laufen und sah nach oben.
Vera„Die Käufer kommen morgen um elf. Er will wissen, ob man hier eine Wallbox anschliessen kann. Sie will wissen, ob es spukt.“
Leon„Und? Spukt es?“
Vera„Das Haus hat zwei Jahre geschlafen. Wer zwei Jahre schläft, wacht ein bisschen schlecht gelaunt auf. Das ist kein Spuk, das ist Charakter.“
Leon„Das schreib ich mir auf. Für meine Kunden.“
Er drehte sich wieder zur Decke. Seine Hände waren gross, mit kurzen Nägeln und einem dünnen weissen Strich über dem linken Daumen, eine alte Narbe. Er bog das Kupfer mit zwei Fingern, so behutsam, als könnte es ihm übelnehmen, wenn er grob wäre. Vera öffnete den obersten Knopf ihres Mantels und blieb stehen, wo sie war.
Vera„Sie machen das sehr ordentlich. Die meisten reissen einfach daran herum.“
Leon„Die meisten kriegen dann auch einen gewischt. Man muss nett sein zu so einem Kabel. Dann ist es auch nett zu einem.“
Vera„Eine schöne Haltung. Gilt die nur für Kabel?“
Oben auf der Leiter hielten seine Finger inne. Nur für einen Atemzug, die Klemme halb zugedreht, der Schraubendreher still. Dann machte er weiter, ein wenig zu schnell. Vera sah, wie sich unter seinem grauen T-Shirt die Schulterblätter bewegten, und sie sah weiter hin, auch als es längst nichts mehr zu prüfen gab.
Leon„Sie gucken mir zu, Frau Nolte.“
Vera„Ich gucke, ob Sie Ihre Arbeit gut machen. Dafür bezahle ich Sie.“
Leon„Seit einer Viertelstunde?“
Vera„Gute Arbeit braucht ihre Zeit. Das wissen Sie doch.“
Im Licht zwischen ihnen tanzte der Staub, feine helle Körner, die nirgendwo hinwollten. Leon schraubte die letzte Klemme fest und griff nach der Glühbirne in seiner Hosentasche. Er sah nicht hinunter, aber sein Nacken war rot geworden, bis hinauf zu den Haaren.
Leon„Gleich wird's hell. Wollen Sie den Schalter machen?“
Vera„Gern. Sagen Sie mir nur, wann Sie so weit sind.“