I
Stufe vierzehn
Sieben Uhr, und der Hof roch noch nach Nacht und kaltem Stein. Romy schob die schwere Haustür mit der Schulter auf, in jeder Hand einen Becher, heiss durch die Pappe. Zwischen den angeketteten Fahrrädern sass jemand auf der Treppe, die Knie hochgezogen, und sie konnte gerade noch den Fuss zurückziehen, bevor der Kaffee über ihn ging. Unter seiner offenen Jacke schimmerte ein blassblauer Kittel.
Romy„Alter! Morgens um sieben auf Stufe vierzehn rumsitzen, das ist 'ne Falle. ... Moment. Du bist doch der aus dem Dritten.“
Kian„Der bin ich. Kian. Entschuldige. Die Beine wollten nicht weiter.“
Er sah zu ihr hoch, langsam, als koste jede Bewegung extra. Unter seinen Augen lagen Schatten, und über die Wangen zogen sich rote Striche, wo etwas lange gedrückt hatte. Romy betrachtete die beiden Becher in ihren Händen, dann ihn. Sie setzte sich neben ihn auf den abgetretenen Stein, so dicht, dass ihr Knie seine Jacke streifte.
Romy„Hier. Der war für Jule, aber Jule hat gestern meinen Joghurt geklaut. Schwarz, ohne alles. Trinkst du so was?“
Kian„Ich trinke alles, was warm ist.“
Romy„Sehr wählerisch. Gut. Und wo kommst du her, so fertig?“
Kian„Intensivstation. Zwölf Stunden.“
Romy„Nachtdienst? Jede Nacht?“
Kian„Meistens.“
Er hielt den Becher mit beiden Händen, als wärme er sich daran die Finger, obwohl es Mai war. Der Dampf stieg ihm ins Gesicht, und er schloss kurz die Augen. Irgendwo über ihnen klapperte ein Briefschlitz.
Romy„Und dieser Piepser? Habt ihr so ein Ding, das losgeht, und dann rennst du?“
Kian„Es piept dauernd. Rennen tut man selten.“
Romy„Schade. Ich hab dich mir rennend vorgestellt. Mit wehendem Kittel.“
Kian„Der weht nicht. Der klebt.“
Romy„Okay, wichtige Frage. Redest du immer so wenig, oder bin ich dir zu viel um diese Uhrzeit?“
Kian„Ich höre zu. Das ist was anderes.“
Ihr Lachen sprang die Treppe hinauf, zwischen den Geländern hin und her, bis hoch unters Dach. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und lachte durch die Finger weiter. Kian trank einen Schluck und sah auf die Fahrräder, auf einen platten Hinterreifen, auf eine Klingel mit aufgemalten Gänseblümchen.
Romy„Na, und was hast du gehört? Ehrlich jetzt.“
Kian„Dass du zu spät zur Arbeit kommst. Und dass Jule heute keinen Kaffee kriegt.“
Romy„Hat sie verdient. Also, nicht verdient. Du weisst schon.“
Er drehte den Kopf zu ihr. Erst geschah nichts, nur sein müder, ruhiger Blick auf ihrem Gesicht. Dann hob sich ein Mundwinkel, ganz langsam, danach der andere, und das Lächeln blieb einfach da, als hätte es beschlossen, nicht wieder zu gehen.
Romy„Na also. Da ist es ja.“