I
Die letzte Kundin
Es war Donnerstag, kurz vor sieben, und über Sachsenhausen hing ein Regen, der nicht aufhören wollte. Im Studio brannte nur noch die Lampe über dem Arbeitsplatz. Alva wischte die Liege ab und sah auf die Uhr über der Tür. Als der Zeiger auf die Zwölf sprang, ging die Klingel.
Judith„Weber. Ich habe um sieben einen Termin.“
Alva„Das haben Sie. Auf die Sekunde, wie es aussieht. Kommen Sie rein, der Mantel kann an den Haken.“
Judith zog den Kamelmantel aus, und dunkle Tropfen liefen vom Kragen auf die Dielen. Darunter trug sie eine hellgraue Bluse, sorgfältig gebügelt, bis oben zugeknöpft. Aus ihrer Tasche holte sie eine Klarsichthülle und hielt sie mit beiden Händen fest, als könnte sie ihr davonfliegen.
Judith„Das ist die Skizze. Ich habe sie selbst gezeichnet. Sie ist nicht gut.“
Alva„Darf ich?“
Alva nahm die Hülle und hielt sie ins Licht. Ein eingerollter Farnwedel, mit Bleistift gezogen, kaum grösser als ein Daumennagel. Sie sah lange darauf, dann hob sie den Blick und sah genauso lange Judith an. Draussen fuhr eine Strassenbahn vorbei, und die Scheiben summten leise.
Alva„Warum ein Farn?“
Judith„Wollen Sie nicht wissen, wie gross? Oder welche Farbe?“
Alva„Das sehe ich. Klein, schwarz, links unter dem Schlüsselbein, wenn ich raten soll. Mich interessiert, warum gerade ein Farn.“
Judith„Weil er sich ausrollt. Langsam. Er ist am Anfang ganz zusammengezogen, und dann ... na ja. Dann eben nicht mehr.“
Alva„Und warum jetzt?“
Judith„Ich werde vierzig. Im Mai. Ich habe mir das versprochen, irgendwann an einem Sonntag, mit einem Glas Wein und einer Steuererklärung, die nicht meine war.“
Alva lehnte sich an den Tresen und wartete. Sie hatte die Ärmel ihres Flanellhemds hochgeschoben, und auf ihren Unterarmen wanden sich dunkle Ranken bis zu den Handgelenken. Judith sah darauf und dann schnell wieder auf ihre Skizze.
Alva„Sie haben vor drei Monaten angerufen. Die meisten kommen nach einer Woche. Oder gar nicht.“
Judith„Sie haben mitgezählt.“
Alva„Ich zähle immer mit. Also ... warum drei Monate?“
Judith setzte sich auf den Hocker neben der Liege, die Knie eng beieinander. Sie strich die Bluse über dem Schoss glatt, obwohl dort keine Falte war. Dann begann sie zu reden, erst zögernd, dann immer flüssiger, als hätte jemand eine Schublade aufgezogen.
Judith„Ich habe eine Kanzlei. Zwölf Leute, Mandanten seit zwanzig Jahren. Bei mir geht alles auf, jede Spalte, jede Summe, und wenn etwas nicht aufgeht, suche ich, bis es aufgeht. Darin bin ich gut. Vielleicht zu gut. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir nie etwas vorgenommen habe, das einfach nur ... für mich ist. Das nicht aufgehen muss. Und so etwas schiebt man dann eben drei Monate vor sich her.“
Alva„Und heute schieben Sie nicht mehr.“
Judith„Heute regnet es. Da fällt das Absagen schwerer, man ist ja schon nass.“
Alva lächelte, nur mit einem Mundwinkel. Sie legte die Klarsichthülle auf den Arbeitstisch, neben die Farbkappen und das Päckchen mit den Handschuhen. Dann zog sie den zweiten Hocker heran und setzte sich Judith gegenüber, so nah, dass ihre Knie sich fast berührten.
Alva„Ihr Farn ist besser, als Sie denken. Ich würde nur die Spitze ein wenig enger rollen. Er soll ja noch etwas vorhaben.“
Judith„Gut. Dann ... dann rollen Sie.“