I
Die stille Küche
Die Badezimmertür klemmte wie jeden Morgen, und Nele schob sie mit der Hüfte auf. Ihre Haare waren noch feucht im Nacken, das Schlafshirt hing ihr schief über eine Schulter. In der Küche lag die Sonne breit auf dem Holztisch, auf der Brotdose, auf einem vergessenen Wachsmalstift. Till stand am Fenster, in einem grauen T-Shirt mit ausgeleiertem Kragen, und hielt eine leere Tasse in der Hand. Die Kaffeemaschine daneben war dunkel und still.
Nele„Du stehst da mit einer leeren Tasse. Das ist entweder Kunst oder ein Hilferuf.“
Till„Ich hab zugehört. Hör mal.“
Nele blieb in der Tür stehen und lauschte. Kein Fernseher, kein Streit um das letzte Müsli, kein Ball, der gegen eine Wand schlug. Nur der Kühlschrank summte, und irgendwo unten fuhr ein Fahrrad über das Kopfsteinpflaster.
Nele„Unheimlich. Ich hab im Bad dreimal gedacht, gleich hämmert jemand an die Tür, weil er ganz dringend muss.“
Till„Die hämmern gerade bei deiner Mutter an die Tür. Ich wette, Jonas hat schon um sieben den Garten umgegraben.“
Nele„Und Lotte erklärt meinem Vater, warum sein Telefon falsch eingestellt ist. Mit Diagramm.“
Till„Er wird es ihr danken. Irgendwann. Nicht heute.“
Sie tappte barfuss über die Fliesen, die noch kühl waren, nur dort nicht, wo das Licht auf ihnen lag. Neben ihm am Fenster roch es nach seiner Haut und ein wenig nach dem Waschmittel, das er immer zu hoch dosierte. Sie tippte mit dem Finger gegen die Kaffeemaschine.
Nele„Und warum ist die aus? Du bist seit einer halben Stunde wach, ich hab dich gehört.“
Till„Ich bin gar nicht wach. Ich steh nur hier.“
Nele prustete los, bevor sie es verhindern konnte. In ihrer ersten Wohnung, über der Bäckerei in Ehrenfeld, hatte es eine einzige Regel gegeben: Wer zuerst wach ist, macht Kaffee. Und jeden Morgen hatte Till mit offenen Augen im Bett gelegen und genau diesen Satz gesagt.
Nele„Zwölf Jahre. Zwölf Jahre, und du hast keinen neuen Trick gelernt.“
Till„Warum sollte ich? Der alte funktioniert ja noch.“
Nele„Funktioniert er? Ich seh hier keinen Kaffee.“
Till„Ich seh hier dich. Barfuss, mit nassen Haaren, und keiner, der Mama ruft. Ich fand, das reicht erst mal.“
Seine Hand fand ihren Nacken, dort, wo die Haare noch feucht waren. Sie kannte diese Hand, die warme Innenfläche, den Daumen, der kurz unter ihrem Ohr entlangstrich. Normalerweise blieb sie einen Atemzug lang, dann griff er nach dem Autoschlüssel oder nach einem Pausenbrot. Heute blieb sie.
Nele„Du nimmst die Hand ja gar nicht weg.“
Till„Nein. Hast du was dagegen?“
Nele„Frag mich nachher noch mal. Wenn ich wach bin.“
Er lachte leise, tief in der Brust, und sein Daumen zog einen kleinen, langsamen Kreis. Draussen schlug eine Autotür zu. Nele lehnte den Kopf zurück in seine Hand und schloss die Augen gegen die Sonne.