I
Drei Gläser
Die Teller waren fast leer. Auf Carlas lag noch ein Rest Zitronenrisotto, auf Adrians nur ein Lorbeerblatt, das er sorgfältig an den Rand geschoben hatte. Durch die offenen Fenster im vierten Stock kamen Stimmen aus dem Hof, jemand rief einen Namen, ein Fahrrad schepperte gegen die Mülltonnen. Jan lehnte sich zurück und hob beide Hände, als wolle er ein Orchester einzählen.
Jan„Und dann steht Herr Brodersen am Strand von Sylt, in Socken, weil Adrian seine Schuhe ...“
Adrian„Ausgeliehen. Ich hab sie ausgeliehen. Das ist ein Unterschied.“
Jan„Du hast sie in die Nordsee getragen.“
Adrian„Ich wollte sie zurückbringen. Die Flut hatte andere Pläne.“
Carla lachte. Sie kannte die Geschichte, dreimal hatte sie sie schon gehört, an Geburtstagen und einmal auf einer Hochzeit. Sie lachte trotzdem, weil Jan an derselben Stelle immer die Stimme senkte und weil Adrian dabei so ernst blieb, als ginge es um einen Gerichtsprozess.
Carla„Ihr erzählt das jedes Mal ein bisschen anders. Beim letzten Mal war es nur ein Schuh.“
Jan„Die Geschichte wächst mit uns.“
Adrian„Irgendwann sind es Gummistiefel, und Brodersen steht bis zum Hals im Wasser.“
Unter dem Lachen lag etwas anderes, und alle drei wussten es. Carla sah es an Adrians Händen. Seit einer Stunde hielt er das Weinglas am Stiel, drehte es ein Stück, trank nicht und stellte es nicht ab. Der Rotwein darin war längst warm geworden. Jan schenkte sich nach, obwohl niemand gefragt hatte, und die Flasche klang schon hohl.
Carla„Adrian, du darfst das Glas loslassen. Es läuft dir nicht weg.“
Adrian„Ich weiss. Es ... hält mich nur gerade ganz gut fest.“
Im Treppenhaus fiel eine Tür ins Schloss. Carla räumte nicht ab, obwohl ihre Hände schon nach den Tellern suchten, und wartete. Der Duft von Thymian hing noch über dem Tisch, und irgendwo unten spielte ein Radio leise ein Lied, das sie nicht kannte. Dann stellte Adrian das Glas ab, sehr langsam, als sei der Tisch aus dünnem Eis.
Adrian„Ich muss euch noch was fragen. Und ich will, dass ihr ehrlich seid, auch wenn die Antwort nein ist. Wollt ihr das wirklich? Beide?“
Für einen Atemzug hörte Carla nur den Kühlschrank in der Küche summen. Sie spürte ihr Herz unter dem Kleid, schnell und überraschend fröhlich.
Carla„Ja. Ich will das. Ich hab es mir lange überlegt, Wochen, und ich will es immer noch. Eigentlich mehr als am Anfang.“
Adrian„Und du, Jan?“
Jan sah nicht Adrian an, sondern sie. Unter dem Tisch fand seine Hand ihr Knie, warm durch den dünnen Stoff, und blieb dort liegen. Sein Daumen bewegte sich kaum, ein kleiner Kreis, den nur sie spürte.
Jan„Ja. Ich will sehen, wie sie das geniesst. Ich hab vorhin, als du geklingelt hast, gemerkt, wie sehr ich das will.“
Adrian„Gut. Dann ... gut.“
Carla„Du siehst aus, als hättest du gerade einen Zug pünktlich in den Bahnhof gebracht.“
Adrian„Das kommt in meinem Beruf seltener vor, als man denkt.“
Jan„Auf Pünktlichkeit also. Und auf Brodersens Schuhe.“
Carla legte ihre Hand auf Jans, dort auf ihrem Knie, und hielt sie fest. Adrian griff wieder nach dem Glas, und diesmal trank er, einen langen Schluck, die Augen auf ihr. Draussen im Hof ging eine Laterne an und warf einen gelben Streifen über das Tischtuch, genau zwischen die drei Gläser.