I
Wasserflecken
Der Zug hielt mit einem langen Seufzen. Mara stieg aus, den Werkzeugkoffer in der rechten Hand, und die Hitze legte sich sofort auf ihre Schultern wie ein warmes Tuch. Am Ende des Bahnsteigs lehnte ein Mann an einem staubigen Geländewagen, die Ärmel bis über die Ellbogen hochgeschoben. Seine Unterarme waren braun von der Sonne und von feinen Kratzern überzogen.
Jonas„Frau Lindqvist? Jonas Brandt. Darf ich Ihnen den Koffer abnehmen?“
Mara„Lieber nicht. Da sind Skalpelle drin. Und ich kenne Sie erst seit zehn Sekunden.“
Jonas„Verstehe. Dann trage ich nur die Tasche. Die sieht harmloser aus.“
Die Fahrt führte am Fluss entlang, vorbei an steilen Hängen, auf denen die Reben in schnurgeraden Reihen standen. Durch das offene Fenster roch es nach heissem Schiefer und trockenem Gras. Jonas fuhr langsam. Er sah nicht oft zu ihr hinüber, aber wenn, dann blieb sein Blick einen Atemzug zu lang.
Das Gutshaus war kühl wie ein Keller. Ihre Schritte hallten über den Steinboden, und irgendwo tickte eine Standuhr. Er öffnete eine schwere Tür, und Mara blieb auf der Schwelle stehen. Es roch süsslich und modrig, nach nassem Karton und vergessenen Sommern.
Mara„Oh. Wie lange stand hier das Wasser?“
Jonas„Ein Rohr im Frühjahr. Mein Vater hat es erst nach drei Wochen gemerkt. Er war nie gern in diesem Raum.“
Mara stellte den Koffer ab und strich mit dem Finger über einen Buchrücken. Das Leder war gewellt wie Sand nach der Ebbe. An den unteren Rändern zogen sich braune Ränder hinauf, und auf einem Schnitt blühte ein grauer Flaum.
Mara„Schimmel. Nicht schlimm, noch nicht. Aber er mag es warm und feucht. Genau wie Ihre Reben, nehme ich an.“
Jonas„Meine Reben mögen es vor allem trocken im September. Zweitausendeinundzwanzig hat mir der Regen fast alles verdorben.“
Mara„Und der Wein?“
Jonas„Sauer wie ein Gesicht beim Zahnarzt. Ich verkaufe ihn trotzdem. An Leute, die gern über Säure reden.“
Mara„Da hätten wir etwas gemeinsam. Ich rede auch gern über Säure. Im Papier.“
Sie zog ein Buch heraus, hielt es gegen das Licht vom Fenster und drehte es langsam. Jonas stand neben dem Tisch und sah ihr zu, die Hände in den Hosentaschen. Er sagte nichts. Sie spürte seine Aufmerksamkeit auf ihren Fingern, als wäre sie selbst das Stück, das geprüft wurde.
Mara„Sie schauen mich an, als würden Sie gleich eine Note vergeben.“
Jonas„Ich dachte, Sie begutachten hier. Nicht ich.“
Mara„Dann wäre das ja geklärt. Ich die Bücher, Sie... den Rest.“
Jonas„Den Rest. ... Ich werde mir Mühe geben, gründlich zu sein.“
Sie wandte sich ab, ehe er ihr Lächeln sah. An der Wand lehnte eine hölzerne Leiter mit abgetretenen Sprossen. Mara schob sie zum obersten Regal und stieg hinauf, eine Sprosse nach der anderen. Das Holz knackte leise unter ihren Sohlen.
Jonas„Soll ich die Leiter halten?“
Mara„Wenn Sie das Halten nennen wollen. Ich weiss, wohin Sie gerade schauen, Herr Brandt.“
Jonas„Auf die Bücher natürlich. Ganz oben ist es am schlimmsten, oder?“
Sie antwortete nicht. Oben war die Luft wärmer, und der Staub tanzte in einem schmalen Sonnenstreifen. Mara zog einen Band mit goldener Prägung heraus und blies vorsichtig über den Schnitt. Unter ihr hörte sie, wie er langsam ausatmete.
Mara„Drei Tage, haben Sie geschrieben. Ich glaube, die Bücher sehen das anders.“
Jonas„Die Bücher haben hier nichts zu entscheiden. Aber ich höre ihnen gern zu.“