I
Zwei Karten, ein Bett
Der Bahnsteig roch nach kaltem Metall und Bremsstaub. Hanna zog ihren Koffer hinter sich her, die Rollen klapperten über die Fugen, und ihre Stimme war nach neun Stunden in der Kabine nur noch ein heiseres Echo. Wagen zweihundertsechs, Abteil vier. Sie riss die Tür auf. Auf dem unteren Bett sass ein Mann im dunklen Mantel, einen Geigenkasten auf den Knien, als hielte er ein schlafendes Tier.
Hanna„Entschuldigung. Ich fürchte, Sie sitzen auf meinem Bett. Abteil vier, Platz einundsechzig.“
Daniel„Das fürchte ich auch. Nur steht auf meiner Karte genau dasselbe. Wollen Sie nachschauen?“
Er hielt ihr den Zettel hin, ohne aufzustehen. Hinter ihr schob sich der Schaffner in den Gang, eine Lesebrille auf der Stirn und einen Kugelschreiber zwischen den Zähnen. Er nahm beide Karten, hielt sie nebeneinander ins Neonlicht und zog die Brille herunter.
Hanna„Und? Wer von uns beiden ist der Fehler?“
Der Schaffner zuckte mit den Schultern. Der Zug sei voll bis unters Dach, bis Wien kein einziges freies Bett mehr. Er reichte ihnen die Karten zurück, nickte zum oberen Bett hinauf und war fort, bevor einer von beiden widersprechen konnte.
Daniel„Na dann. Ich habe das Gefühl, wir müssen verhandeln. Nehmen Sie das untere Bett, bitte. Ich klettere gern.“
Hanna„Das ist sehr galant von Ihnen. Aber ich habe den ganzen Tag für Männer gesprochen, die mir den Vortritt gelassen haben. Ich nehme die Leiter.“
Daniel„Die Leiter hat sieben Sprossen und keine Manieren. Sind Sie sicher?“
Hanna„Ich bin Dolmetscherin. Ich bin selten sicher, aber ich klinge immer so.“
Daniel„Dann sollte ich mich ergeben. Darf ich wenigstens Ihren Koffer hinaufheben? Rein aus beruflicher Neugier, ich wüsste gern, was Dolmetscher so mit sich herumtragen.“
Hanna„Wörterbücher. Und einen Schal, der nach Kaffee riecht. Nur zu.“
Er stellte den Geigenkasten behutsam ans Kopfende und stemmte ihren Koffer ins Gepäcknetz. Dabei streifte sein Ärmel ihre Schulter, und sie roch Holzleim und etwas Harziges, Warmes. Draussen pfiff es. Der Wagen ruckte einmal, dann glitt der Bahnsteig rückwärts aus dem Fenster.
Nun standen sie zu zweit zwischen Koffer und Fenster, so eng, dass Hanna die Kälte spürte, die noch in seinem Mantel hing. Keiner rührte einen Knopf. Sie sah auf die schmale Leiter, er sah auf das gefaltete Laken, und die Lampe über der Tür summte leise.
Daniel„Darf ich etwas gestehen? Ich habe keine Ahnung, wie man sich hier drin auszieht, ohne dass einer von uns aus dem Fenster schauen muss.“
Hanna„Ich wollte gerade fragen, wie lange Sie gedenken, den Mantel anzubehalten.“
Daniel„Bis Rosenheim, schätze ich. Es gibt einen Speisewagen, drei Wagen weiter vorne. Ich lade Sie auf ein Glas ein. Dann ist das Problem wenigstens vertagt.“
Hanna„Vertagen. Das ist das klügste Wort, das ich heute gehört habe. Und ich habe sehr viele gehört.“
Sie nahm ihren Schal vom Haken. Er hielt ihr die Tür auf, besann sich und liess sie dann doch einfach los, damit sie selbst hindurchging. Hanna lächelte in den schwankenden Gang hinein und ging voraus.