I
Das Schlüsselbrett aus Messing
Der Holzboden der Hotelhalle knarrte bei jedem Schritt. Sophie zog ihren Koffer hinter sich her, und ein Rad hakte an einer Dielenfuge. Es roch nach Bienenwachs und nach dem Regen, der draussen schwer über dem See hing. Hinter der Rezeption telefonierte jemand, tief und gemächlich, mit langen Pausen zwischen den Sätzen. Sophie blieb stehen, noch bevor sie den Mann sah.
Viktor„Herzlich willkommen. Ich bin sofort bei Ihnen ... Nein. Bei dir, wohl eher.“
Sophie„Viktor Maas. Ich hätte dich auch erkannt, wenn du dich gar nicht umgedreht hättest. Du klingst immer noch, als würdest du gerade einen Rotwein dekantieren.“
Viktor„Und du begrüsst die Leute immer noch mit einer Weinkritik. Was führt dich an meinen See?“
Sophie„Deinen See? Ich dachte, der gehört der Gemeinde. Die Weinprobe heute Abend. Man hat mich eingeladen, und ich habe nicht nachgesehen, wem das Haus gehört.“
Viktor„Ein Zufall also.“
Sophie„Ein reiner Zufall. Ich schwöre es bei jeder Flasche, die ich je geöffnet habe.“
Er kam um den Tresen herum. Sein Haar war an den Schläfen grau geworden, die Ärmel seines Hemdes hatte er zweimal umgeschlagen. Er musterte sie mit jener Ruhe, die sie früher wahnsinnig gemacht hatte, und an seinem Mundwinkel zuckte etwas, das er nicht zu einem Lächeln werden liess.
Viktor„Bei jeder Flasche. Auch bei dem Riesling, den du damals auf dem Balkon allein ausgetrunken hast ... bevor du gegangen bist?“
Sophie„Moment. Wer ist gegangen? Du hattest den Koffer schon gepackt, als ich nach Hause kam.“
Viktor„Ich habe ihn gepackt. Gegangen bist du. Mit dem Riesling.“
Sophie„Der war gut. Bei dir hätte er nur Staub angesetzt.“
Viktor„Das bestreite ich nicht.“
Er drehte sich zur Wand hinter der Rezeption. Dort hing ein Brett aus Messing, blank gerieben von vielen Händen, mit kleinen Haken und schweren Anhängern daran. Er strich mit dem Finger über die Reihe, als müsse er noch überlegen, und nahm dann den Schlüssel ganz oben links.
Viktor„Zimmer zwölf. Unter dem Dach, mit Blick aufs Wasser. Nachts hört man die Wellen am Steg ... falls dich das stört.“
Sophie„Mich stört nur, wenn mir jemand sagt, was mich stört.“
Viktor„Notiert.“
Er legte den Schlüssel in ihre offene Hand. Das Metall war kühl, der Anhänger schwer. Seine Finger aber blieben an ihren liegen, warm und trocken, einen Atemzug länger, als es ein Hotelier tun sollte. Draussen fuhr ein Boot vorbei, und das Brummen des Motors verlor sich langsam hinter den Bäumen.
Sophie„Gibt es ... noch etwas, das ich unterschreiben muss?“
Viktor„Nein. Die Weinprobe beginnt um acht. Ich habe dir einen Platz am Fenster reserviert.“
Sophie„Du wusstest also, dass ich komme.“
Viktor„Ich habe die Gästeliste gelesen. Du offenbar nicht.“
Sophie schloss die Finger um den Schlüssel, und erst da zog er seine Hand zurück. Sie griff nach dem Koffer und ging zur Treppe. Auf halber Höhe drehte sie sich noch einmal um. Er stand hinter dem Tresen und sah ihr nach, ohne so zu tun, als sähe er woanders hin.